Emotionen als Kompass: Den eigenen Bedürfnissen auf die Spur kommen

Lieber Mensch,
in meinem letzten Beitrag vom 5. Oktober habe ich gefragt:
Was ist der Grund dafür, dass sich Menschen so wenig um sich selbst kümmern?
Was ist der Grund dafür, dass auch du dir wenig Raum für Wohltuendes gibst?

In diesem Beitrag möchte ich auf einen Aspekt eingehen, der für mich eng mit Selbstfürsorge verbunden ist und leider oft übersehen wird: unsere Wahrnehmung von und unser Umgang mit Emotionen.
Ich bin überzeugt, dass wir dem Zusammenhang zwischen Selbstfürsorge und Emotionen näher kommen, wenn wir uns folgende Behauptung anschauen:
„Unsere Wahrnehmung von Emotionen ist für Wohlbefinden, wahre Zufriedenheit und ein erfülltes Dasein grundlegend.“

Vielleicht erkennst du dich wieder, vielleicht klingt meine Behauptung unlogisch für dich, oder sie bringt dich zum Nachdenken. In jedem Fall möchte ich versuchen, dich in meinen Gedanken ein Stück mitzunehmen.

Doch bevor ich tiefer darauf eingehe, lohnt sich ein Blick auf eine einfache, aber entscheidende Frage:
Wie weißt du, was dir gut tut?

  • Sind es Erfahrungen? „Ein Becher Eis und eine Serie lassen mich immer abschalten.“
  • Sind es Dinge, die alle um dich herum tun? „Ein Saunabesuch tut jedem gut.“
  • Sind es Dinge, die dir empfohlen werden? „Gönn’ dir doch mal eine Massage.“

Überlege einmal: Wann hast du zuletzt wirklich gespürt, was dir jetzt gut tut?

Meine Antwort ist: Ich weiß, was mir gut tut, nachdem ich in mich hinein gespürt und verstanden habe, wie es mir im aktuellen Moment geht.

Denn erst, wenn ich wahrnehme, dass ich mich alleine fühle, kann ich mir einen anderen Menschen suchen, der für mich da ist und mir seine Aufmerksamkeit schenkt.
Erst wenn ich wahrnehme, dass ich mich gestresst und überfordert fühle, kann ich eine Pause einlegen.
Erst wenn ich wahrnehme, dass ich wütend bin, kann ich ein klärendes Gespräch suchen (auch wenn es schwer ist, kann es mir gut tun).
Erst wenn ich wahrnehme, dass ich müde bin, kann ich mich hinlegen.


Wie wir am eigenen Bedürfnis vorbeihandeln

Das klingt logisch – und trotzdem verhalten wir uns oft gegenteilig:

  • Wir scrollen gedankenlos auf Social Media, statt echten Kontakt mit Menschen zu suchen.
  • Wir rauchen oder trinken, statt eine Pause einzulegen.
  • Wir bingen Serien, statt ein klärendes Gespräch zu führen.
  • Wir essen etwas Zuckerhaltiges, statt uns hinzulegen.

Wir „geben“ uns oft, was wir nicht brauchen – und das bemerken wir zunächst nicht, weil es angenehm erscheint und von unangenehmen Gefühlen ablenkt. Dabei sind unsere Strategien oft nicht förderlich:

  • Wir raten, was wir brauchen.
    (Zum Beispiel denken wir, ein Spaziergang würde uns guttun, obwohl wir eigentlich gerade Nähe und soziale Verbindung bräuchten.)
  • Wir machen etwas, das „antrainiert“ ist.
    (Zum Beispiel essen wir etwas Süßes bei Stress, obwohl wir innerlich Ruhe und Entlastung bräuchten.)
  • Wir erfüllen Routinen, die uns vertraut erscheinen, obwohl sie aktuell gar nicht hilfreich sind.
    (Zum Beispiel joggen, obwohl wir eigentlich Erholung und körperliche Entspannung bräuchten.)
  • Wir tun Dinge, die gesellschaftlich oder kulturell als „gesund“ gelten, obwohl sie uns im Moment nichts bringen.
    (Zum Beispiel Yoga machen, obwohl wir eigentlich kreative Beschäftigung oder spielerische Leichtigkeit bräuchten.)

Frage dich: Machst du manchmal Dinge, die gut gemeint sind, aber dir im Moment gar nicht gut tun?

Vielleicht erkennst du dich in dem ein oder anderen Beispiel wieder. Ich tue es – zumindest ab und zu.


Warum es schwerfällt, Emotionen zu fühlen

Hinter diesem Verhalten steckt oft mehr als bloße Unachtsamkeit: Ein Grund kann sein, dass wir unsere darunter liegenden Emotionen nicht fühlen möchten.

Unsere Emotionen zu fühlen, kann sehr schwierig sein, vor allem die unangenehmen Gefühle wie:
Wut, Angst, Traurigkeit, Scham, Ekel, Enttäuschung, Schuld, Neid, Verzweiflung.

Es ist besonders schwierig, unsere unangenehmen Emotionen zu fühlen, wenn wir gelernt haben, dass diese von unseren Bezugspersonen (meist Eltern) früher nicht gewollt oder „unangemessen“ waren. Dann fällt es schwer, unserer eigenen Wut, Angst oder Traurigkeit Raum zu geben, ohne sie weg haben zu wollen. Wir haben die negativen Bewertungen von damals verinnerlicht und führen sie unbewusst mit uns selbst fort.

Es ist auch möglich, dass unsere Bezugspersonen es gut gemeint haben, aber nicht optimal auf uns eingestimmt waren. Es kann durchaus sein, dass sie dem unruhigen Kind etwas zu essen gegeben haben, statt es zur Ruhe zu wiegen. So lernt ein Kind, dass Essen „hilft“ – und lebt dieses Muster im Erwachsenenalter weiter aus, oft ohne dass der Stress weniger wird.

Überlege: Welche Gefühle vermeidest du vielleicht, weil du gelernt hast, sie seien „falsch“ oder unangemessen?


Der Weg zur Veränderung

Und genau hier beginnt die Möglichkeit, etwas zu verändern: Wenn wir unseren Emotionen lauschen, können wir unseren unerfüllten Bedürfnissen auf die Spur kommen. Sie sind der Wegweiser. Wenn beispielsweise unser Bedürfnis nach Verbundenheit nicht erfüllt ist, kann sich dies in Traurigkeit zeigen.

Unsere Bedürfnisse müssen adäquat bedient werden, damit wir ein erfülltes Leben haben.
Deshalb mein Plädoyer an dich: Trau dich, dich mit dem zu spüren, was gerade da ist. Das ist eine große Sache. Du musst wissen, wo du stehst, um herauszufinden, was dir gut tut und um entsprechend gut für dich zu entscheiden.

Wenn es zu schwer ist, kann dir ein anderer Mensch zur Seite stehen. Das ist oft sehr heilsam – auch, wenn es vielen von uns schwerfällt, sich jemandem anzuvertrauen. Es kann sehr unterstützend sein, zu erleben, dass ein anderer Mensch da ist und bleibt, wenn wir unangenehme Emotionen haben.


Emotionen als innerer Kompass

Emotionen sind ein innerer Kompass, der Orientierung gibt. Erst wenn du weißt, was du fühlst und dadurch dein Bedürfnis erkennst, kannst du dir genau das geben, was es in dem Moment braucht.

Eine Massage, ein Spaziergang, eine warme Badewanne, ein Treffen mit einer Freundin oder ein Eis sind nicht in jedem Moment das passende Mittel. Es gibt viele Möglichkeiten, etwas Gutes für sich zu tun, doch es kommt darauf an, was uns die Emotionen in jedem Moment verraten.

Das bedeutet auch: Selbst wohltuende Dinge wirken nur, wenn sie zum inneren Zustand passen.

Eine Frage, die ich dir mitgeben möchte: Was sagt dir deine innere Stimme gerade – was würde dir jetzt wirklich gut tun?


Takeaways – Das Wesentliche auf einen Blick

  1. Selbstfürsorge beginnt mit dem Wahrnehmen von Emotionen.
    Nur wer spürt, wie es ihm/ihr im Moment wirklich geht, kann passende Schritte für das eigene Wohlbefinden machen.
  2. Wir handeln oft am eigenen Bedürfnis vorbei.
    Ablenkung, „gut gemeinte“ Routinen oder antrainierte Muster helfen kurzfristig, befriedigen aber nicht immer das, was wir wirklich brauchen.
  3. Unangenehme Emotionen zu fühlen ist schwer, aber wichtig.
    Wut, Traurigkeit, Angst oder Schuld bieten wertvolle Informationen, wenn wir sie wahrnehmen, statt zu verdrängen.
  4. Frühkindliche Prägungen beeinflussen unsere Muster.
    Was wir als Kinder gelernt haben, kann heute noch beeinflussen, wie wir auf Stress oder Bedürfnisse reagieren.
  5. Emotionen sind ein innerer Kompass.
    Sie zeigen uns, was wir wirklich brauchen und helfen, Entscheidungen zu treffen, die unserem Wohlbefinden dienen.
  6. Unterstützung von anderen kann heilsam sein.
    Es ist okay, sich jemanden zur Seite zu nehmen – besonders, wenn das Spüren eigener Gefühle schwerfällt.
  7. Wohltuende Dinge wirken nur, wenn sie zum Moment passen.
    Eine Massage, ein Spaziergang oder ein Eis sind nur dann hilfreich, wenn sie mit dem aktuellen inneren Zustand übereinstimmen.

Frage zum Abschluss: Was brauchst du im Moment wirklich – und wie kannst du es dir jetzt geben?

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