Lieber Mensch,
nachdem ich dir und einigen anderen Menschen vor einiger Zeit meine Frage „Was ist der Grund dafür, dass sich Menschen so wenig um sich selbst kümmern und Gutes tun?“ (Beitrag vom 5.10.2025) gestellt habe, habe ich ein paar Antworten mit sehr interessanten Ansichten bekommen.
Ich möchte auf Basis einer dieser Antworten einen Aspekt herausgreifen.
Ich möchte darüber schreiben, wie eng unser persönliches Wohlbefinden, unsere Bewusstheit über uns selbst und die Qualität unseres Miteinanders miteinander verknüpft sind.
Unaufgelöste Erfahrungen und ihre Wirkung
Wir alle haben in unserem Leben wiederholt Dinge erlebt, die unangenehm oder überfordernd waren.
Dies können scheinbar nicht dramatische Erlebnisse sein, in der Menge und auf Dauer erlebt und nicht angemessen aufgelöst, können diese jedoch anhaltend unangenehme Emotionen in unserem System hervorrufen.
Sie können aktiv bleiben und von dort aus unser Leben maßgeblich beeinflussen.
In der Gestalttherapie nennen wir das eine „offene Gestalt“.
Vermeidungsmechanismen
In der Regel haben wir Menschen Mechanismen, um unangenehme Emotionen nicht permanent fühlen zu müssen, wie zum Beispiel Ignorieren, Verleugnen, Überdecken mit Verhaltensweisen (Internet, Social Media, Serien schauen, Shoppen, Essen etc.) und/oder Substanzen (Zucker, Alkohol, Koffein, Essen allgemein, etc.) etc.
Solche Mechanismen waren bei der Bewältigung von stressigen Erlebnissen zunächst fürs „Überleben“ wichtig.
Ein Kind kann Angst ignorieren: Ein Kind hat Angst davor, in die Schule zu gehen, weil es dort ausgelacht oder ausgeschlossen wird.
Es spürt Unruhe im Bauch oder möchte am liebsten zu Hause bleiben, aber es redet sich (oder die Eltern reden ihm) ein, dass „alles gar nicht so schlimm ist“.
So lernt es, seine Angst zu ignorieren und funktioniert einfach weiter.
Ein Kind kann Wut verleugnen: Ein Kind wird vielleicht immer wieder von einem Elternteil oder einer Lehrperson unfair behandelt – zum Beispiel wird es für etwas bestraft, das es gar nicht getan hat.
Weil es gelernt hat, dass Wut „nicht erlaubt“ ist („Sei nicht so frech!“, „Man redet nicht so mit Erwachsenen!“), zeigt es nach außen Freundlichkeit oder Rückzug, obwohl es innerlich empört ist.
Die Wut wird verdrängt und später kaum mehr gespürt.
Ein Kind kann Einsamkeit überdecken: Ein Kind fühlt sich allein, weil es zu Hause wenig Aufmerksamkeit bekommt oder in der Schule keinen Anschluss findet.
Um dieses Gefühl nicht zu spüren, flüchtet es sich in Bücher, Fantasiewelten, Fernsehen oder versucht, sich besonders anzupassen, um dazuzugehören.
So entsteht früh ein Muster, die Einsamkeit durch Aktivität oder Anpassung zu überdecken.
Ein Kind kann Scham überdecken: Ein Kind schämt sich, wenn es in der Schule etwas nicht versteht oder einen Fehler macht.
Um diese Scham nicht zu fühlen, macht es Witze, lenkt andere ab oder tut besonders selbstsicher.
So entsteht schon früh ein Muster, unangenehme Gefühle mit Verhalten zu überdecken, statt sie zuzulassen.
Wenn alte Strategien bleiben
Wenn ein Mensch, der in seinem Leben häufig Angst und Unsicherheit erlebt hat, diese Gefühle nicht bewusst wahrnimmt und auch im Erwachsenenalter in seinen Vermeidungsmechanismen verharrt, kann er sie nicht angemessen ansprechen oder bearbeiten – schlicht, weil er gar nicht weiß, dass sie da sind.
Dadurch bleibt auch eine passende Lösung aus.
In der Folge kann es geschehen, dass dieser Mensch seine Angst und Unsicherheit auf indirekten Wegen ausdrückt.
Das kann zum Beispiel durch Rückzug, Überkontrolle, übermäßige Kritik oder Konflikte geschehen – also Wege, die die ursprüngliche Angst nicht wirklich lösen, sondern nur kurzfristig den Druck mindern.
Oft richtet sich die Aufmerksamkeit dabei auf äußere Umstände oder andere Menschen, die als Ursache der eigenen Gefühle wahrgenommen werden.
Diese äußeren Umstände oder Menschen scheinen „nicht richtig“ zu sein oder „schuld“ an der Situation zu haben.
Zum Beispiel könnte jemand ständig die Fehler anderer betonen, um sich selbst sicherer zu fühlen, obwohl das Problem in seiner eigenen Angst liegt.
Was wir in uns selbst nicht fühlen oder verstehen können, tragen wir oft unbewusst in unsere Beziehungen – zu Partnern, Freunden oder sogar in gesellschaftliche Zusammenhänge.
Auf diese Weise entsteht unbewusst die Brücke zur späteren Projektion auf bestimmte Gruppen oder politische Entscheidungen – ein Mechanismus, der im persönlichen Umfeld beginnt, aber schließlich gesellschaftliche Auswirkungen haben kann.
Vom Inneren ins Politische
Die Folgen alter, unbewusster Strategien zeigen sich nicht nur in unserem persönlichen Verhalten.
Viele Muster aus der Kindheit begleiten uns unbewusst ins Erwachsenenleben und können schließlich auch gesellschaftliche Dynamiken mitbestimmen.
Wenn ein Mensch in seinem Leben oft Angst und Unsicherheit erfahren hat, sucht er/sie unbewusst nach Möglichkeiten, sich sicher zu fühlen.
Dieses Bedürfnis nach Sicherheit kann dazu führen, dass die eigene Angst auf andere Menschen projiziert wird:
Die Anderen erscheinen als „gefährlich“ oder „schuldig“ an der eigenen Unsicherheit.
In diesem Kontext kann es passieren, dass jemand eine politische Partei oder bestimmte Vertreterinnen wählt, die genau diese „gefährlichen“ Gruppen ausschließen oder abwerten.
Auf diese Weise wird das eigene Sicherheitsbedürfnis kurzfristig erfüllt:
Indem die „bösen“ Anderen aus der eigenen Welt ausgeschlossen werden, fühlt sich die Person vorübergehend sicherer.
Die Chance der Bewusstwerdung
Wenn sich dieser Mensch damit auseinandersetzen würde, was ihm/ihr wirklich Angst macht und unsicher fühlen lässt, könnte er/sie entdecken, dass es ein Erlebnis aus der Vergangenheit sein könnte, das er/sie nun auf bestimmte Menschen oder eine Menschengruppe projiziert.
Stell dir vor, diese Person würde das tatsächlich erkennen und sich darüber bewusst werden.
Dann könnte sie sich stattdessen den unaufgelösten Themen und Erlebnissen zuwenden und diese Schritt für Schritt bearbeiten.
Die eigenen Emotionen müssten nicht länger auf andere Menschen übertragen werden.
Die anderen Menschen könnten in Frieden leben, und die Person selbst hätte es in der Hand, etwas Altes endlich aufzulösen.
Welch ein Frieden – sowohl für den Einzelnen als auch für das Miteinander.
Unsere Welt könnte dadurch ein Stück schöner und friedlicher werden.
Bewusstheit als Schlüssel
Sich selbst wahrzunehmen ist ein unglaublich wichtiger Weg zu Frieden, sowohl in uns selbst als auch auf unserer Erde.
Dazu zählen Bewusstheit über unser Verhalten, über unsere Gedanken, über unsere Emotionen, die unser Handeln steuern.
Gedanken und vor allem Emotionen spiegeln sich in unserem Körper.
Und hier schließt sich der Kreis:
Einladung zur Selbstwahrnehmung
Ich möchte dich ermutigen, dich bewusst deinen Gedanken, Emotionen und deinem Körper zuzuwenden.
Eine Möglichkeit ist Meditation. Dabei kannst du deine Gedanken, Emotionen und Körperwahrnehmungen beobachten, ohne sie zu bewerten.
Auch ein bewusstes Innehalten in Momenten von Aufgewühltheit kann hilfreich sein.
Spüre deinen Körper aufmerksam und beobachte deine Gedanken, ohne sie sofort ändern zu wollen.
In diesen Momenten zeigen sich unglaublich viele Informationen darüber, was dir wichtig ist, was du möchtest und was du nicht möchtest.
Wenn du diese Klarheit gewinnst, kannst du Entscheidungen treffen, die wirklich zu dir passen, und entsprechend handeln.
Begleitung auf diesem Weg
Wenn das für dich neu ist oder du das nicht alleine machen möchtest, biete ich dir mit ganz viel Freude meine Unterstützung an.
Denn ganz offen gefragt: Wer von uns hat es früher wirklich gelernt, präsent mit seinen/ihren Emotionen zu sein?
Besonders zu Beginn kann das sehr herausfordernd sein – dann ist es schön, einen anderen Menschen an deiner Seite zu haben, der dich unterstützt.
Die Rolle von Berührung und Präsenz
In meinen Angeboten bekommst du durch körperliche Berührung und/oder Präsenz, durch Interesse, Offenheit und gezielte Fragen den Raum, dich selbst zu spüren und auch unangenehme Emotionen und Gedanken zuzulassen.
Es ist oft hilfreich, dabei mit jemandem zusammen zu sein und aufgefangen werden zu können.
Zudem kann körperliche Berührung und/oder Präsenz eines anderen Menschen natürlich auch einfach schön sein und grundlegende Bedürfnisse können erfüllt werden – etwa Akzeptanz, Nähe, umsorgt werden, im Fokus stehen etc.
Dazu schreibe ich ein anderes Mal gerne mehr.
Julia


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